Sonntag, 19. Juli 2015

Das Privileg im Einzelhandel zu arbeiten

Heute ist es also soweit: Ich schreibe mir jetzt den Frust dieser Woche von der Seele. Natürlich ist das nichts Neues und bahnbrechendes auf meinem Blog, aber heute möchte ich meinem kleinen großen Ärger Luft machen. Lange habe ich hin und her überlegt, ob ich diesen Post überhaupt schreiben soll.


Vielleicht haben schon einige mitbekommen, dass ich neben dem Studium noch arbeite um mir mein BaföG noch aufzubessern. Da ich vor dem Studium über drei Jahre eine Berufsausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einer deutschlandweit-vertretenen Kaufhauskette gemacht habe, stellte sich für mich also keine große Frage in welcher Branche ich während meines Studiums mein Geld verdienen sollte. Obwohl ich schon während der Ausbildung merkte, dass dieser Job nicht mein ganzen Leben bestimmen sollte, entschied ich mich weiterhin im Einzelhandel zu arbeiten. Schließlich habe ich den Beruf gelernt, schon einige Erfahrungen gesammelt und als Aushilfe kann der Job ja nicht so schlimm sein. Nach einem Bewerbungsgespräch ergatterte ich vor mehr als drei Jahren eine Aushilfsstelle in einem jungen Modegeschäft. Das Arbeiten machte auch Spaß. Neben der Uni ist es aber auch oft ein zusätzlicher Stressfaktor, der die manchmal so wertvolle und knappe Zeit einfach in Luft auflöst.


In letzter Zeit allerdings fehlt mir mehr und mehr die Motivation in dieser Branche weiterhin tätig zu sein. Vor allem in dieser Woche verlor ich wirklich jeglichen Elan. Ich stand über viele Stunden ununterbrochen an der Kasse und habe nur kassiert. Wie eine Bandansage habe ich fast jeden Kunden über Stunden nur die gleichen Phrasen vorgesäuselt. "Hallo", "Das sind Bitte so und so viel Euro", "Karte bitte mit dem Chip nach unten einstecken und Geheimzahl eingeben", "Vielen Dank", "Ich wünsche einen schönen Tag", "Tschüss und viel Spaß" ...   100- bis 200-mal am Tag beschränkt sich der Wortschatz nur auf diese Satzteile. Irgendwann stellt man sich selbst die Frage, was wohl die Leute über einen denken mögen. Am Ende des Tages schmerzt auf jeden Fall der ganze Körper. Wie bei einer Choreographie bewegt man sich den ganzen Tag. Allerdings nur ein paar Schritte zur Seite, nach vorne oder nach hinten. Den ganzen Tag über nur monotone Bewegungen. Die einzige Abwechslung sind die verschiedenen Gesichter vor der Kasse, die unterschiedliche Teile kaufen und unterschiedliche Zahlungsmöglichkeiten nutzen. Ich erwische mich dann manchmal, wie ich in die Ferne blicke. Die Uhr ist ständig präsent und ein jeder weiß natürlich was das für Auwirkungen hat: Die Zeit scheint einfach nicht vorbei zu gehen.


Was mich persönlich aber am meisten stört, sind die Kunden. Natürlich lebt der Einzelhandel vom Kundenkontakt. Aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass Anstand und Höflichkeit gegenüber Mitarbeitern im Einzelhandel einfach nicht möglich sind. Als Mitarbeiter wird man dazu angehalten immer nett und freundlich  zu sein. Bei einigen Kunden wäre ich schon über ein Bitte und Danke glücklich. Da werden die Kleidungsstücke auf den Boden geworfen, heimlich mit Kugelschreibern beschmiert oder in einem Knäuel in der Umkleide  zurückgelassen. Der Müll wird in der Umkleide gelassen oder irgendwo zwischen die Jeans und T-Shirts geschobe.
Man wird ohne einen triftigen Grund persönlich beleidigt. Heutzutage reicht es schon aus einen Kunden höflich und freundlich darauf hinzuweisen, dass er sich doch bitte bei der Kassenschlange hinten anstellen soll wie die anderen Kunden auch. Das ist scheinbar schon eine persönliche Beleidigung für die man ebenfalls eine persönliche Beleidigung zurückbekommt. "Sie sind nur die Verkäuferin. Ich bin die Kundin. Ich bin König und Sie sind jetzt einfach still und halten die Klappe."
Man bekommt das Geld vor die Nase geworfen, ist daran schuld, wenn die EC-Karte nicht funktioniert, die Geheimzahl falsch ist oder kein Geld mehr auf dem Konto ist. Man wird ignoriert und einfach nicht beachtet. Man spricht mit den Kunden, man begrüßt sie und ist nett zu ihnen und man wird keines Blickes gewürdigt. Man erhält das Gefühl minderwertig zu sein. Schließlich arbeitet man im Einzelhandel und ist nur Verkäuferin. Es gibt auch Personen im Einzelhandel, die eine ganz andere Ausbildung absolviert, Abitur oder sogar einen akademischen Abschluss haben. Schüler und Studenten, die sich eben ihr Leben finanzieren müssen. Oder aber auch Arbeitnehmer, die einen Zweit- oder Drittjob annehmen müssen, damit sie am Ende des Monats alle Rechnungen bezahlen können. All das zählt natürlich nicht und ist uninteressant. Lieber wirft man dann den "Nur-Verkäuferinnen" an den Kopf, dass sie ja nur Verkäuferinnen sind und nichts zu sagen haben.

Kleid: New Yorker - Kette: Six - Tasche, Gürtel: Second Hand - Schuhe: Deichmann - Sonnenbrille: Bijou Brigitte

Natürlich sind dies alles extreme Beispiele. Leider bleiben aber meistens nur diese Extrema im Gedächtnis, da sie sich in letzter Zeit einfach häufen. Es gibt auch schöne Momente und oftmals auch sehr nette und gesprächige Kunden. Man erfährt interessante Details und Lebensgeschichten. Ich möchte auch die Zeit meiner Ausbildung nicht missen. Ich habe einiges gelernt, über den Beruf, über Menschen und über mich.  Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sind in diesem Beruf eben Pflicht. Man muss die eigenen Probleme und Sorgen für die Zeit im Verkauf vergessen. Es ist schwierig, aber man muss es versuchen. Schließlich kommt man ab und an auch auf andere Gedanken und hat wirklich Zeit über allen möglichen Unsinn genauer nachzudenken.


Ich könnte wohl noch ewig weiterschreiben. Man erlebt die unvorstellbarsten Dinge. Einige dieser Erlebnisse kann und will ich auch gar nicht in Worte fassen. Ich glaube fast, dass man die meisten Erzählungen gar nicht glauben kann, wenn man nicht selbst schon einmal im Verkauf gearbeitet hat.

Diese Gedanken schwirrten schon lange Zeit in meinem Kopf herum und mussten jetzt einfach in Worte gefasst werden. Und wie es aussieht, waren es sehr viele Gedanken.



Kommentare :

  1. Hallo Frau Porzellan :-)
    ich habe deinen Blog neu entdeckt und möchte mal meine Lob aussprechen, ganz toller Blog und du scheinst eine sehr liebe Person zu sein :-)

    Das mit dem Einzelhandel ist echt schlimm und hat auch viele Schattenseiten, die man so als Kunde garnicht sieht.
    Ich finde es gut, dass du deinem Ärger mal Luft gemacht hast und ich hoffe, dass es dir nun etwas besser geht!

    Ganz liebe Grüße, Ines

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  2. Ps: Schöne Fotos, das Kleid steht dir richtig gut!

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  3. Wie recht du hast! Ich habe ein halbes Jahr lang beim Textilschweden gearbeitet und kann deine Erfahrungen eins zu eins bestätigen. An der Kasse fühlte ich mich wie ein Roboter und konnte irgendwann meine eigene Stimme nicht mehr leiden. In der Umkleide und an den Kleiderstangen haben die Leute wahrhaftig gewütet ohne einen Gedanken an denjenigen zu "verschwenden", der am Ende alles wieder aufräumen muss. Schrecklich! Leider geht der Beruf der Verkäuferin, die einst für eine freundliche Beratung, die liebevolle Auswahl von Kleidungsstücken und das anschließende Verkaufen und Verpacken zuständig war, gänzlich verloren. Man wird zum Kassier- und Aufräumroboter und das ist wirklich schade. Vielleicht schaust du mal nach einem Job in einer kleineren Boutique, da gestaltet sich das ganze schon etwas anders (:

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    1. Genau das ist das Problem: Viele der Kunden machen sich einfach keine Gedanken über ihr Verhalten und das frustriert mich immer wieder etwas. Mich würde es interessieren, ob sich diese Personen zu Hause auch so benehmen. Daran kann man leider nichts ändern, aber ich halte schon ab und an die Augen nach einer anderen Arbeitsstelle auf - Wer weiß was sich noch alles ergeben wird :)

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  4. Oh, und das Outfit mag ich auch total gern (:

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